© 2016-2020 | Hamburg | Anne Pretzsch 

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Christine Weiser im Gespräch mit den Macher*innen von G.U.L.

Noelia kennt sich aus. Bühnenerfahrung hat das zehn Jahre alte Mädchen mit den langen dunklen Haaren bereits in der Theater- AG ihrer alten Schule

gesammelt. Doch Theater am Gymnasium Hoheluft ist ganz anders, als sie es aus ihrer Grundschule kannte. Im Kostüm mit Krone und Schwert auf der Bühne einen Text rezitieren? Anne Pretzsch schüttelt den Kopf. „Diese Vorstellung von Theater mussten wir erst einmal brechen“, sagt die Performance-

Auf der Bühne eine Macht

Am Gymnasium Hoheluft setzen sich Schüler*innen in Theaterprojekten mit Demokratie auseinander

Künstlerin, die unter anderem am Theater Zeppelin Stücke mit Kindern und Jugendlichen auf die Bühne bringt. Am Gymnasium Hoheluft betreut sie mit ihrem Kollegen Leon Flucke ein ganz besonderes Projekt.

Unter dem Titel „Demokratie und Theater“ erarbeiten die Bühnenprofis im Rahmen des freiwilligen Ganztagsangebots mit Schüler*innen der fünften bis siebten Klasse Performances zu politischen Themen. Finanziell unterstützt wird die Kooperation zwischen dem Gymnasium Hoheluft und dem Theater Zeppelin durch das bundesweite Projekt OPENION – Bildung für eine starke Demokratie der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend.

Die Idee, sich politischen Fragestellungen kre- ativ zu nähern, kommt sehr gut bei den Schüler*innen an. Zumal theatrale Arbeitsweisen wie das spielerische Hineinschlüpfen in Rollen, das Einnehmen fremder Positionen, das Sprechen gemeinsam arrangierter Texte einen wesentlichen Teil des Projektes ausmachen. Aber im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Phänomenen. Im vergangenen Jahr war das Thema der Performance Krieg, Flucht und Grenzen, in diesem Jahr sollen Machtstrukturen und die neue Rechte im Mittelpunkt stehen. G.U.L. heißt das Stück. „Das ist die Abkürzung für Gedankenumlenkungslabor. Es geht darum, schlechte Gedanken umzulenken“, erläutert Noelia.

Nachdem ein Thema feststeht, beginnt die Materialsammlung. Anne Pretzsch und Leon Flucke bringen verschiedene Texte zu den Proben mit, sie werden in der Gruppe diskutiert gelegentlich schreiben die Kinder selbst Texte zum Thema, manchmal helfen auch Bewegungsübungen dabei, Aspekte zu verdeutlichen. „Beim Thema Machtstrukturen könnte das beispielsweise heißen, dass einige der Spieler*innen das Kommando in einer Choreografie übernehmen und ihren Mitspieler*innen Anweisungen geben dürfen“, erklärt Leon Flucke. So lernen die Kinder den Reiz der Macht kennen und erleben am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, Macht auszuüben.

„Es geht auch um das Widersprüchliche der Macht. Es geht darum, aus Rollen herauszutreten und zu beobachten, welche Gefühle damit verbunden sind. Das können die Kinder an sich selbst spüren“, sagt Anne Pretzsch. Für die Theaterprofis ist vor allem dieser Prozess spannend und lehrreich, darauf liegt ihr Fokus. „Wir arbeiten nicht zu produktorientiert, sondern eher prozesshaft. Und wenn die Kinder spielen und wir merken, dass eine Auseinandersetzung in den Schüler*innen startet, ist das toll“, sagt Anne Pretzsch.

Ziemlich viel hätten sie gemeinsam über Macht und die neue Rechte gesprochen und dabei einzelne Szenen entwickelt, die bei jeder Probe verfeinert wurden, beschreibt Noelia die Arbeitsweise der Gruppe. Besonders toll findet sie, dass sich alle Teilnehmer*innen lau- fend in den Kreativprozess einbringen können. „Erwachsene denken oft, politische Themen seien zu schwierig. Aber da unterschätzen sie Kinder“, sagt Anne Pretzsch. Maren Dellbrügger nickt. Die Lehrerin für Theater, Musik und Philosophie am Gymnasium Hoheluft ist maßgeblich mitverantwortlich für dieses innovative Projekt. Die Verbindung zwischen der Schule und dem Theater mit seiner Spielstätte Hoheluftschiff besteht seit 2012, dem Gründungsjahr des Gymnasiums Hoheluft. Nach zwei Jahren Partnerschaft im Programm Theater und Schule (TUSCH) sollte die Zusammenarbeit weitergehen. „Wir haben uns gemeinsame neue Projekte gesucht“, sagt Maren Dellbrügger, die die Kooperation von schulischer Seite aus begleitet und betreut. Die Performances wer- den anschließend sowohl vor der Schulgemein- schaft als auch der Öffentlichkeit aufgeführt.

Die Aufführung des vergangenen Jahres war die erste unter dem Schwerpunkt Theater und Demokratie. „Die Reichweite des Stückes war groß. Alle Schüler*innen der fünften bis siebten Klassen haben es gesehen. Das hat etwas angestoßen und hat die politisch-theatrale Arbeit an unserer Schule bekannt gemacht“, sagt Maren Dellbrügger. Dieser Prozess soll weitergehen. Mit den Ergebnissen geht das Gymnasium Hoheluft auch nach außen. Es soll neben Schulaufführungen auch Einladungen an die anderen Schulen im Quartier geben. Auch ein zusätzlicher Termin im Jüdischen Kulturhaus steht schon fest.

Noelia, Joschka und allen anderen ist der Applaus der Zuschauer gewiss. Aber nicht nur das. Wenn sie von der Bühne kommen, werden sie nicht nur ein Stück auf die Bühne gebracht haben, sondern sehr viel mehr über Demokratie wissen.

kju Juni

1.6.19

Unter die Haut - Die Glitch AG im Lichthof Theater

INTERVIEW | Christina Grevenbrock

über Am Rand der Epidermis | Glitch AG Projekt

 

Ich sitze gemütlich im Lichthof Theater, nasche eine Orange, während sich die Performerin minutenlang mühsam aus ihrem engen Meerjungfrauenkostüm pellt. Das Künstlerinnenkollektiv Glitch AG überzeugt seit drei Jahren mit herausragenden Performances, bei denen nichts alltäglich ist und doch alles. Auch ihre bisher größte Produktion „Am Rande der Epidermis“ ist wieder gnadenlos biografisch und verknüpft mit Leichtigkeit Vergnügen und Tiefgang.

Sonst performen die fünf „AGentinnen“ meist auf den Straßen und bringen etwa beim Reeperbahnfestivaldas Publikum in Bewegung und zum Nachdenken. Publikumsbestechung mittels Obst ist für die Ladys überhaupt nicht notwendig, auch wenn ein Theaterstück über ein biologisches Thema erst mal ungewöhnlich und ein wenig sperrig klingt: Die Haut ist unser aller Grenzorgan. Sie präsentiert uns nach Außen, sichert unser Überleben, dient als Projektionsfläche für alles Mögliche und ist trotzdem als solche meistens nur in Frauenzeitschriften als Objekt unseres Kosmetikwahns präsent.

Auf der Theaterbühne öffnet die Glitch AG den Blick für die Haut als Kampfzone. Angefangen bei der martialischen Metaphorik, die in der Biologie vorherrscht, geht es weiter zur Medizin, über die Haut als Spiegel und Aktionsradius gesellschaftlicher Identitätskonstruktionen bis zum dem Schönheits- und Frauenbild. Gallerytalk.net hat mit Anne Pretzsch und Eva-Maria Glitsch gesprochen.

gallerytalk.net: Was hat es mit eurer Faszination für die Haut auf sich? 
Anne: Anna [Hubner] ist Biologin, daher rührt ihr Interesse fürs Thema. Sie hat den zugrunde liegenden Text im Rahmen ihrer Nominierung für den Retzhofer Dramapreis geschrieben. Wir fanden das Projekt spannend und wollten gemeinsam herausfinden, was wir performativ daraus entwickeln können. 
Haut ist ja ein unglaublich großes Thema, in dem sich jeder wiederfinden kann. Uns hat vor allem die Idee von Haut als Grenze interessiert. Die Biologie benutzt dafür eine Kriegsmetaphorik: die Haut als Bollwerk gegen Einflüsse von außen. Das war spannend und hat uns auch zum Thema Diskriminierung geführt. Fragen nach der Haut sind immer verbunden mit der Frage „Wie weit öffne ich mich, wo muss ich mich abgrenzen, was lass ich rein, was muss draußen bleiben?“ Das lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen.

In euer Stück fließt viel theoretisches Wissen und Biografisches ein. Wie lief euer Rechercheprozess? 
Wir haben erst einmal haufenweise biologische Texte gelesen und uns Hintergrundwissen angeeignet, auch über den historisch- gesellschaftlichen Diskurswandel. Außerdem sind zahlreiche eigene Texte entstanden. Zudem haben wir Hautgeschichten über Narben und Verletzungen von vielen Menschen gesammelt. Wichtig waren auch die halbwissenschaftlichen Publikationen, die wir gelesen haben, beispielsweise GEO Wissen Haut, weil da die Metaphorik besonders zum Tragen kommt. Es war krass zu sehen, wie politisiert das Thema ist!

In euren Stücken geht es immer wieder um Identität. Die Haut ist das, was wir nach außen zeigen. Über sie kommunizieren wir einen großen Teil unserer Persönlichkeit. Was interessiert euch daran? 
Das Interesse ist unter anderem durch die Kunstform der Performance begründet, weil sie aus uns als Personen heraus entsteht. Wir arbeiten mit persönlichen Erfahrungen, sie sind der Topf, aus dem wir schöpfen. Wir glauben, dass wir nur Berührendes schaffen können, wenn wir Themen wählen, die uns selbst berühren.

Vergleicht man sie etwa mit Euren Performances auf dem Reeperbahnfestival, ist dies eure bisher größte Produktion. Wie wirkt sich der Ort auf Eure Stücke aus? 
Genau! Wir hatten zwar auch schon ein Showing des Stücks in Leipzig und Omolouc, wo wir sechs Wochen lang in einem Residenzprogramm geprobt und unsere Ideen weiterentwickelt haben. Aber erst die Premiere und die Aufführungen am Lichthof Theater zeigen das Stück in seiner eigentlichen Form. Beim Reeperbahnfestival kommen die Leute ganz anders zu uns. Auf einem Festival sind sie, um Musik zu hören und stoßen eher zufällig auf die Performance. Da war die Herausforderung, das Publikum in Bewegung zu halten und mit ihm zu arbeiten. Das Theaterpublikum hingegen kommt eigens für uns und mit anderen Erwartungen. Das verändert die Ansprache völlig.

Ihr arbeitet jetzt seit drei Jahren im Kollektiv. Da gibt es bestimmt auch Konflikte? 
Eva-Maria: Ja, klar. Ich zum Beispiel mag es immer eher lustig, Anne hat es lieber ernsthafter. Dann müssen wir uns natürlich einig werden. Aber uns ist es wichtig, dass am Ende alle hinter jedem Teil des Ergebnisses stehen. Das macht unseren Prozess langwieriger, aber auch vielfältiger.

In der letzten Szene verwandelt sich eine eurer Performerinnen erst in eine Meerjungfrau, die in ihrem Kostüm zwar „sexy“ daherkommt, sich aber kaum bewegen kann. Dann entpellt sie sich mühsam wieder aus ihren „Fesseln“ – ein emanzipativer Prozess? 
Ja, mit dem sie aber auch allein ist. Unsere Frauenhaut bringt Einschränkungen mit sich, die Männer so oft nicht kennen. Frauen beschäftigen sich permanent mit ihrer Haut.

Die Glitch AG entlockt der simplen, biologischen Tatsache der Epidermis zahlreiche Facetten und wechselt dabei mit Leichtigkeit zwischen medizinischen Fachbegriffen, Gesellschaftskritik und humorvollen Momenten. Dem Stück ist die gründliche Recherche zum Thema und die Wertschätzung der Performerinnen untereinander, für ihr Publikum und ihr Produkt in jedem Augenblick anzumerken. Kurz: Ich bin begeistert! „Am Rande der Epidermis“ ist wieder klug, verknüpft Leichtigkeit und Tiefgang, ist schonungslos biografisch und regt zur Anknüpfung an die eigene Geschichte an. Chapeau!

gallerytalk 

28.2.19

TAZ 

Hamburg 

16.2.19

Die Haut als Grenze - Fünf Performerinnen widmen der Haut einen ganzen Abend. In „Am Rand der Epidermis“ heben sie dafür die Grenze der Bühne auf. | Katrin Ullmann 
über Am Rand der Epidermis | Glitch 
AG Projekt

Dermatologen, Psychosomatiker, Sonnenstudio-Betreiber, Kulturwissenschaftler, Tätowierer und Kosmetiker: Sie alle beschäftigen sich mit der Haut, behandeln, erforschen, bräunen, verletzen, verzieren oder optimieren sie. Sie alle arbeiten am oder mit dem größten Organ des Menschen und haben damit ein mehr oder weniger einträgliches Betätigungsfeld gefunden. Inzwischen kann man auch eine Hand voll Theatermacherinnen dazu zählen. Die Glitch AG, ein fünfköpfiges Performance-Kollektiv, hat mit „Am Rand der Epidermis“ ein Stück über die Haut erarbeitet.

Ausgangspunkt für das Stück ist der gleichnamige Text von Anna Hubner, der 2017 für den Retzhofer-Dramapreis nominiert wurde. Hubner ist Teil des durchweg weiblichen Hamburger Kollektivs, die sich im Studiengang „Performance Studies“ kennenlernten und sich 2016 zusammenschlossen.

Hubner ist Performerin, Autorin – und Biologin. Und wenn sie von ihrem literarisch-künstlerischen Interesse am Thema Haut erzählt, sind die beiden unterschiedlichen Wissenschaften gar nicht mehr so unvereinbar, wie es zunächst scheint.

„Die Haut ist ein Thema, das in erster Linie sinnlich funktioniert, das sofort spürbar wird in der Bewegung und im direkten Kontakt mit anderen Menschen“, sagt Hubner. „Es hat – wenn man die biologische Ebene betrachtet – außerdem grafisch total viel Potenzial und genauso auf der Ebene des Wortschatzes.

Kollektive Recherche

Man kann Haut abkratzen, abreiben, eincremen. Man kann Falten glätten, Unebenheiten bereinigen und Widerstände beseitigen. Biologie mit einer ästhetischen Annäherung zu kombinieren: Das ist für mich immer ein spannender Moment.“

Nach vielen Probenwochen, einer Forschungsresidenz der Glitch AG an einem kleinen Theater im tschechischen Olmütz und einer ersten Aufführung am Lofft in Leipzig sieht sich Hubner mittlerweile eher als Impulsgeberin, denn als Autorin. Schließlich habe man seit Monaten kollektiv und stetig zu dem Thema weitergeforscht, habe Strukturproteine in Petrischalen wachsen sehen, zum Prozess der Wundheilung recherchiert und unzählige Hautgeschichten von fremden Menschen gesammelt.

In seiner Arbeit am Lichthof-Theater legt das Kollektiv den Fokus nun auf die Haut als Grenze. „Als die erste wahrnehmbare Grenze, die wir alle haben. Eine Grenze von unserem Inneren zum Äußeren“, erläutert die Performerin Christine Kristmann. Schließlich schützt die Haut den Körper vor Hitze, Licht und Verletzungen, vor schädlichen Umwelteinflüssen, vor Nässe und Kälte und Sonnenstrahlen, vor Infektionen und Giftstoffen.

Sie reguliert die Körpertemperatur, kann Wasser und Fett speichern. Sie bietet Schutz, ist aber gleichzeitig durchlässig. Die menschliche Haut ist laut Kristmann als Rand zu verstehen, der heikel und empfindlich ist, aber durchlässig bleibt für alle Verbindungen mit dem Außen.

Zuschauer sind mittendrin

Um Grenzen – und deren Überschreiten – geht es also in der Theaterarbeit „Am Rand der Epidermis“. Die fünf Performerinnen Raha Emami Khansari, Eva-Maria Glitsch, Anna Hubner, Christine Kristmann und Anne Pretzsch verknüpfen dazu Biologie mit Performance-Kunst und fragen, was die oberste Hautschicht – die Epidermis – und äußerste physische Grenze des Menschen über andere Grenzen im Leben erzählen kann.

Auch die räumliche Theatergrenze wird dafür aufgehoben: Die Zuschauer befinden sich zum großen Teil mitten im Bühnengeschehen: auf Sitz­inseln in einer Art Hautraum. So werden sie eingebunden in eine Erfahrung von Innen und Außen, werden Teil eines durchlässigen Theaterraums.

Die Performerinnen verweben Tanz, Performance, Musik und Projektionen mit ihren Forschungsergebnissen und laden das Publikum ein, an diesem Abend durch die verschiedenen Schichten und Assoziationsräume von Haut zu wandern. Biologisches Fachwissen wird in Wort- und Klangmaterial transformiert, da werden Wunden gezeigt, Narben zelebriert, Gesichter zum Erröten gebracht, Grenzen verletzt und wieder neu definiert.

Und aus all diesen Gedanken, Recherchen und Assoziationen entsteht ein Theaterabend, der im besten Fall unter die Haut geht.

Am Rand der Epidermis- Die Glitch AG zeigt ihre neue Performance am Lichthof Theater in Hamburg | Carolin Samson 

über Am Rand der Epidermis | Glitch AG Projekt 

"Das Glätten von Falten, das Rasieren der Haare und das Bereinigen aller Unebenheiten und Widerstände bis wir so glatt sind, wie Plexiglas, sind unsere täglichen Begleiter.

Die Glitch AG deckt auf!

 

Immer, wenn ich Hamburg bin, steht neuerdings auch Theater, Performance und Tanz auf dem Programm.

Dieses Wochenende zeigt die Glitch AG eine Performance im Hamburger Lichthof Theater.

Die Glitch AG ist ein Hamburger Performance-Kollektiv, zu dessen stetige Agent*innen Anna Sarah Hubner, Christine Kristmann, Lionel Tomm, Eva-Maria Glitsch, Raha Emami Khansari und Anne Pretzsch gehören. Sie haben ihren Fokus auf intermedialer und interdisziplinärer Aufführungskunst gelegt und bedienen sich gerne einer Ästhetik der Störung. Sie arbeiten und forschen an der Schnittstelle von Diskurs und Wahrnehmung und befragen die traditionellen Grenzen zwischen Bühne und öffentlichem Raum, Realität und Fiktion, Zuschauenden und Angeschauten.

In ihrer Performance Rand der Epidermis versuchen sie aufzudecken, wie sie ihre Geschichten abschütteln, abstreifen, gar abkratzen. An der Schnittstelle von Biologie, Performance und Poesie ergründen sie das Phänomen der Haut als Grenzorgan – unsere Epidermis und transformieren biologisches Wissen in Wort- und Klangmaterial, zelebrieren Narben und lassen Gesichter puterrot werden. Unsere eigenen? Wer es wissen will, kann ab morgen insgesamt 3 Vorstellungen im Lichthof Theater in der Mendelsohnstraße besuchen."

THE WHY

NOT  

13.2.19

Eine kleine Utopie Reeperbahnfestival 2018 | Christina Grevenbrock
über untergraben | Glitch AG Projekt

 

"Da ist es auch schon wieder vorbei, das Reeperbahnfestival mit seinem überbordenden Musik, Kunst und Kulturprogramm. Spaß hat’s gemacht! Besonders, weil wir von gallerytalk.net in diesem Jahr mit von der Partie waren. Wir haben am Festivalsamstag Björn Holzweg, Eva-Maria Glitsch und Christine Kristmann von der Glitch AG sowie das Künstlerinnen Duo Ada Grüter und Janne Plutat zum Artist-Talk geladen, um mit ihnen über ihre Arbeiten auf dem Festival zu reden. [...]Der Eindruck einer Theaterkulisse, den „Lost Track – Rollercoaster“ evoziert, kommt nicht von ungefähr. Denn es wird das zur Bühne für das Performance-Kollektiv Glitch AG. Die drei AGent*innen beschäftigen sich über Bewegung, Rhythmik und Text mit dem Thema Erinnerung. Sprechchöre und Zettelbotschaften zielen vor allem auf unser haptisches und sensorisches Gedächtnis ab – da wird der Geruch von Clerasil beschworen, das Gefühl, wenn der erste Wackelzahn mit Faden und Türklinke aus dem Mund befördert werden soll oder ein Wespenstich beim Tretbootfahren. Und obwohl jede der Invokationen mit „Ich erinnere mich nicht an…“ beginnt, sind die Momente, an die sich wohl jeder aus Kindheit und Jugend erinnert, auf einmal ganz nah.Alle drei Künstler vereint der Ort als gemeinsames Thema: Die in Björn Holzwegs Installation evozierten Kindheits- und Jugenderinnerungen, die an die Fahrt mit einem Autoscooter auf dem Jahrmarkt geknüpft sind, den Raum der erinnerten Nicht-Erinnerungen, die die Glitch AG aufruft und die betret- und anfassbare Höhle von Ada Grüter und Janne Plutat. Sie finden zusammen an dem extrem künstlichen Ort des Festivals, der aus den Gesetzen des Alltags herausgehobenen ist. Auch hier sind sich die Künstler ziemlich einig. Für Björn Holzweg sind „Festivals immer Utopia“, denn hier „beschäftigt man sich mit ganz anderen Dingen als zum Beispiel …Abwaschen“. Die AGent*innen der Glitch AG bringen es auf den Punkt: Ein Festival ist durchaus eine kleine Utopie –  ein Ort, an dem sich Menschen treffen, einen Raum teilen, gemeinsam Musik hören, sich begegnen."

gallerytalk 

27.9.18

Am Rand der Epidermis

über Am Rand der Epidermis | Glitch AG Projekt

 

"GLITCH AG (LEIPZIG/HAMBURG) Sie dringen zwischen die Schichten der Epidermis, wollen rot werden, schwitzen, Falten glätten und Narben zelebrieren. An der Schnittstelle von Biologie, Performance und Poesie ergründet das Hamburger Kollektiv Glitch AG das Phänomen der Haut als Grenzorgan. Was erzählt die Epidermis - als erste wahrnehmbare Grenze - über andere Grenzen, in denen wir leben? Wo wissenschaftliche Methoden in Erklärungsnot kommen, transformiert AM RAND DER EPIDERMIS biologischen Wortschatz in Wort- und Klangmaterial und antwortet mit schmelzenden Eiswürfeln in Performer*innen-Händen. Glitch AG wurden ausgewählt für das deutsch-tschechische Residenzprogramm von LOFFT - DAS THEATER und Divadlo na Cucky in Olomouc.

In Kooperation mit: GLITCH AG (Leipzig/Hamburg), LOFFT - DAS THEATER, DIVADLO NA CUCKY OLOMOUC"

Kultur öffnet Welten

18.8.18

Elbe Wochenblatt 

20.6.18

Hoheluft-Schüler zeigen Performance-Theater auf dem Hoheluftschiff: „Inside out“ |
Gaby Pöpleu, Elbe Wochenblatt

über Inside Out

EIMSBÜTTEL. Bei der Premiere von „Inside out“ auf dem Hoheluftschiff war das Publikum beeindruckt: 17 Schüler der Jahrgänge Fünf bis Sieben des Gymnasiums Hoheluft zeigten eine Performance-Collage zum Thema „Grenzen“.
Monatelang hatten die Nachwuchs-Darsteller mit den Künstlern Anne Pretzsch und Leon Flucke von der Theaterschule Zeppelin geprobt. Die Zuschauer sollten sich nicht nur mit dem Verstand, sondern auch gefühlsmäßig mit dem Thema auseinandersetzen. So wollen die Schüler etwas zur aktuellen Debatte über die Eingliederung von Flüchtlingen beitragen.
Im Stück gehen dir Zehn- bis 13-Jährigen den Fragen nach: Was passiert, wenn sich Grenzen in Köpfen verschieben oder zwischen Ländern schließen? Wer hat diese ganzen Regeln eigentlich gemacht? Was ist eigentlich innen und was ist außen? Und wer sind gleich noch einmal wir selbst? Die Aufführung soll auch als Einladung zum Nachdenken verstanden werden.

Wenn Leuchtfiguren und Würste verzaubern |  Andreas Franke und Jo Seuss, S.10

über unter euch | Glitch AG Projekt


"Beeindruckender sind da die Beiträge, bei denen Mitmachen angesagt ist.  Wie in der Katharinenruine, wo das Hamburger Performance-Kollektiv Glitch AG zu performativen Interventionen einlädt. Was zuerst etwas sperrig wirkt, entfaltet eine anheure Gruppendynamik mit höchst entlarvenden Momenten, wenn gut sechzig Leute, die alle Funkkopfhörer tragen, auf hochpolitische Fragen von Demokratie über Kruzifix bis EU mit den Füßen abstimmen müssen. Und im subtilen Themenslalom erfährt man so nebenher, dass zwei Drittel dieser Blaue-Nacht-Besucher nicht in Nürnberg wohnen. Prädikat: wertvoll - und hochverdienter Platz 3 beim diesjährigen Kunstwettbewerb unter elf Projekten." 

Nürnberger Nachrichten 

7.5.18

Begeistert vom Spiel mit Lichteffekten |  Stefan Candid Depenheuer, S.17
 

"Das Ereignis der Nacht ist jedoch die "performative Intervention" des Hamburger Performance-Kollektivs Glitch [AG - Anm. d. Kollektivs] in der Katharinenruine. Die Teilnehmer - verbunden dadurch, dass sie alle durch Kopfhörer dieselben Worte und Klänge hören - positionieren sich zu Fragen, die ihnen die Künstler stellen,  im freien Raum. Es sind Fragen zu ihrem Leben, zu ihrer Weltsicht, zu ihren Gefühlen. Ein intensives, intimes und wirklich demokratisches Erlebnis mit fremden Menschen, denen man sich anschließend auf magische Weise verbunden fühlt."​

Nürnberger Zeitung 

7.5.18

Momentaufnahme Interview mit Anne Pretzsch | Jonas Meyer
 

"Anne Pretzsch ist Performance-Künstlerin und lebt in Hamburg. Gerade war sie für zwei Wochen in Berlin, um mit geflüchteten Jugendlichen ein Theaterstück zu erarbeiten. Im Interview verrät sie uns, wie man verängstigten Teenagern neues Selbstbewusstsein gibt, was es mit dem Begriff Performance auf sich hat und warum es wichtig ist, immer wieder bei Null zu starten. 

Ein Freitagnachmittag mitten im August. Wir stehen im Innenhof des Kreuzberger Theaters „Expedition Metropolis“ und fühlen uns wie in einem Ameisenhaufen. Um uns herum wuseln gut 30 Jugendliche plus erwachsene Betreuer, die gemeinsam eine Stimmung aus Anspannung, Nervosität und freudiger Erwartung verbreiten – Gefühle, die wohl bei allen Menschen auf der Welt aufkommen, wenn sie kurz vor der Premiere ihres eigenen Theaterstücks stehen.

Für viele der Jugendlichen hier ist es die allererste Theaterpremiere ihres Lebens. Gemeinsam mit einem zehnköpfigen Team aus Dramaturg*innen, Regisseur*innen, Musiker*innen und Pädagog*innen haben sie in den letzten zwei Wochen mehrere kleine Theaterstücke erarbeitet, die sie heute vor geladenem Publikum uraufführen – auf Deutsch. Das ist insofern bemerkenswert, da noch zwei Wochen zuvor fast keiner der Teenager überhaupt ein Wort Deutsch gesprochen hat. Viele sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen –mit Lebensgeschichten im Gepäck, die teilweise für uns am Rande des Vorstellbaren liegen.

Initiator dieses Theaterworkshops in den Sommerferien ist der amerikanische Komponist und Regisseur Todd Fletcher. Vor über zwanzig Jahren hat er in den USA die Organisation Plural Artsgegründet, mit der er sich der künstlerischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen widmet, die aus schwierigen Verhältnissen oder Konfliktregionen stammen. Seit 2007 gibt es „Plural Arts“ auch in Deutschland. Vor zwei Jahren – im Schicksalsjahr 2015 – hat man sich entschieden, verstärkt Projekte für und mit geflüchteten Teenagern anzubieten.

Von dieser wertvollen Arbeit hätten wir vielleicht nie erfahren, wenn wir zwei Tage zuvor nicht durch Zufall Anne Pretzsch kennengelernt hätten. Die 24-jährige Hamburgerin arbeitet als freiberufliche Performance-Künstlerin und Dramaturgin und gehört zu dem Team von professionellen Theatermachern um Todd Fletcher, die in den letzten beiden Wochen gemeinsam mit den Jugendlichen drei kleine Theaterstücke erarbeitet haben.

Eine Stunde später, die Vorstellung ist vorbei. Schon wieder stehen wir im Innenhof, schon wieder haben wir das Gefühl, uns im Zentrum eines Ameisenhaufens zu befinden – nur dass die Stimmung um uns herum eine andere ist. Die Anspannung, die noch vor einer Stunde in der Luft lag, ist großer Erleichterung gewichen. Und wo eben noch Nervosität zu spüren war, machen sich nun bei allen Beteiligten Freude, Glück und ein gewisser Stolz breit. Die Stimmung ist so ausgelassen, dass einer der Teenager kurzerhand die Soundanlage kapert und sein Smartphone mit den Boxen verbindet. Arabische Musik schallert plötzlich aus der Anlage, die Kids stürzen aus dem Innenhof zurück auf die Bühne. Was folgt, ist Ekstase pur – und ein Lehrstück für alle Tanzmuffel, wie man sich zu Musik bewegen kann.

Jonas:
Zwei intensive Wochen liegen hinter dir: Zusammen mit einem guten Dutzend Jugendlicher hast du ein Theaterstück erarbeitet. Dabei hatten diese Kids noch nie in ihrem Leben mit Theater zu tun, die meisten von ihnen sprechen kein oder nur gebrochen Deutsch. Wie geht man an so eine Mammutaufgabe heran? Wie gestaltet man den ersten Tag?

Anne:
Man startet bei Null – und lässt dann alles auf sich zukommen. Konkret bedeutet das, dass man im ersten Schritt die wichtigsten Fakten abklopft: Wie sind die Namen der Kids? Wie ist die Dynamik in ihrer Gruppe? Wie steht es um ihre Deutschkenntnisse? Über welche Fähigkeiten verfügen sie? Manche Jugendliche bringen ungeahnte Talente mit – du hast es selbst gesehen, wie gut sie beispielsweise tanzen können. Daher ist es auch zu fragen: Was tust du so in deiner Freizeit? Was beschäftigt dich, was machst du besonders gerne?
Erst im nächsten Schritt versucht man, sich dem Ganzen aus einer Theaterperspektive zu nähern und gemeinsam mit den Jugendlichen aus dem gewonnenen Wissen Texte oder Bewegungen zu erarbeiten. Dadurch haben wir für unser kleines Theaterstück relativ schnell ein gemeinsames Thema gefunden: Hoffnung. 

Jonas:
Versuchst du, den Jugendlichen von Anfang an eine Definition von Theater mitzugeben?

Anne:
Ich habe selbst keine Definition von Theater – Theorie spielt an dieser Stelle auch überhaupt keine Rolle. Was aber eine Rolle spielt, sind bestimmte Grundregeln, wie zum Beispiel laut zu sprechen oder nicht mit dem Rücken zum Publikum zu stehen. Das sind zwar ganz basale Verhaltensprinzipien, aber wir wollen damit den Kids zeigen, dass wir – auch wenn es hier nur um einen kleinen Ferienworkshop geht – eine gewisse professionelle Ebene schaffen wollen. Also sagen wir: Toll, dass ihr diesen Text geschrieben habt, aber jetzt geht es darum, das Erarbeitete auch gut auf die Bühne zu bringen.

Jonas:
Das Stück beginnt damit, dass einige der Darstellerinnen und Darsteller ihre Träume und Wünsche äußern. Ein Jugendlicher erzählt beispielsweise, dass er sonntags auf dem Markt als Schuhputzer arbeitet und davon träumt, Pilot zu werden. Ist diese Story fiktiv? Oder hat sie einen tatsächlichen Bezug zu der Lebensrealität des Jungen?

 

Anne:
Dass er Pilot werden will, kann ich mir gut vorstellen – ich weiß es aber nicht definitiv. Alle Texte wurden von den Jugendlichen verfasst, ich selbst habe keinen einzigen geschrieben. Wie stark der Bezug zu ihrem eigenen Leben ist, kann ich daher auch nicht sagen.
Aber genau das ist es auch, was mir so wichtig ist: Wenn sie ihre eigenen Texte produzieren, geht es darum, einen gewissen Deutungsraum zu lassen. Ich erkläre den Jugendlichen, dass weder der Zwang besteht, ein rein biografisches Theaterstück zu entwickeln, bei dem sie ganz persönliche, intime Dinge aus ihrem Leben erzählen müssen, noch es die strikte Vorgabe gibt, dass alles ausgedacht sein muss.
Natürlich kommen auch viele mit dem Bedürfnis in die Theaterschule, etwas von sich zu zeigen und zu erzählen. Teilweise hören wir dabei so krasse Lebensgeschichten und Hintergründe, die wir uns selbst im Traum nicht hätten vorstellen können. Allerdings kann ich es im Rahmen eines zweiwöchigen Ferienworkshops gar nicht leisten, mich darum zu kümmern – alleine schon deshalb nicht, weil ich keine ausgebildete Psychologin bin. Daher vermeiden meine Kollegen und ich es auch, bei so einem Format wie der Theaterschule beispielsweise ein Stück zum Thema Krieg zu machen. Diese Verantwortung können wir einfach nicht übernehmen, schon gar nicht in zwei Wochen. Es ist sowieso fraglich, ob Theater überhaupt eine therapeutische Wirkung haben muss oder sollte. Dieser Raum ist für die Kids ja eher als eine Art Schutzraum gedacht.

Jonas:
Ich habe das nicht als ein Manko wahrgenommen, ganz im Gegenteil: Hoffnung ist ja ein zutiefst menschliches Thema, bei dem Parameter wie Herkunft, Hautfarbe oder Etnie zuerst einmal keine Rolle spielen. Im Stückt sagt ein Junge einem Mädchen, dass er sie liebt. Sie will ihn aber nicht und für den Jungen bricht eine Welt zusammen. Das ist eine Story, die an jedem Ort auf der Welt, zu jeder Zeit und in jeder Altersklasse funktioniert. Interessant war, dass eine der Liebesszenen von zwei arabischen Jungs gespielt wurde – einer der beiden hat dabei die Rolle des Mädchens übernommen. War es schwierig, die beiden für diese Konstellation zu ermutigen?

Anne:
Das war kein Vorschlag von mir, sondern von den zwei Jungs. Dem Ganzen vorausgegangen war die spaßige Idee der beiden, gemeinsam eine Szene zu spielen, die etwas mit Liebe zu tun hat. Ich glaube, dabei ging es ihnen darum, Grenzen auszutesten. Ich habe ihnen gesagt: Klar, ihr könnt das so machen. Aber wenn ihr das durchzieht, darf es auf der Bühne kein Lachen oder Gekicher geben. Diese Szene muss genauso ernst genommen werden wie jede andere auch.

Jonas:
Du hattest es in den letzten zwei Wochen mit einer regelrechten Rasselbande zu tun. Kannst du bei so einer großen Gruppe und in der kurzen Zeit überhaupt irgendwelche Entwicklungen bei den Jugendlichen erkennen?

Anne:
Für meine Begriffe sind es unglaubliche Fortschritte, die die Jugendlichen in nur zwei Wochen gemacht haben, vor allem, was ihr Deutsch angeht. Die Sprache zu lernen ist auch eines der primären Projektziele von „Plural Arts“. Darüber hinaus war es stark zu sehen, wie sehr die Kids in der kurzen Zeit zusammengewachsen sind und wie viel Nähe und Vertrauen dabei entstanden ist.
Was man außerdem feststellen kann: Die Jugendlichen haben ein gewisses Bewusstsein für Bühnenpräsenz entwickelt, was sich wiederum positiv auf ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl auswirkt. Eines der Mädchen beispielsweise hat kein einziges Wort gesprochen, als sie zu uns kam. Sie war total verschüchtert und hat nur nach unten geschaut. Jetzt, zwei Wochen später, hat sie einen enormen Sprung gemacht. Sie wirkt viel fröhlicher und aktiver.

Jonas:
Ich fand vor allem den Mut sehr besonders, den die Jugendlichen aufgebracht haben: sich vor einem unbekannten Publikum auf die Bühne zu stellen, ein Theaterstück in einer gänzlich unbekannten Sprache aufzuführen und am Ende sogar noch auf Deutsch zu singen – viele Leute schaffen das nicht einmal in ihrer eigenen Sprache.

Anne:
Dieser Mut hat sich auch erst entwickelt. Und was das Singen vor Publikum angeht – das hat Todd Fletcher möglich gemacht. Du hättest Todd mal sehen sollen, wie er am Klavier mit den Jugendlichen Songs einstudiert. Er ist sehr fordernd, sehr schnell, und seine Lieder und Texte sind so ausgewählt, dass sie relativ bald ein großes Gruppengefühl provozieren.
Am Anfang waren diese Gesangsübungen für die Jugendlichen natürlich total schwer, da manche von ihnen so gut wie kein Deutsch gesprochen haben. Sie haben zwar versucht, irgendwie ein Lied mitzusingen, sich dabei aber immer wieder geschämt, weil sie Text und Melodie nicht konnten. Je mehr man aber mit ihnen geübt und sie gelobt hat, desto besser wurde der Gesang, desto größer wurde das Selbstvertrauen. Am Ende war es sehr beeindruckend zu sehen, mit wie viel Power die Kids die Lieder vorgetragen haben.

Jonas:
Im Gegensatz zu Todd bist du mit deinen 24 Jahren nur wenig älter als die Jugendlichen. Darüber hinaus stammen fast alle Kids aus patriarchalisch geprägten Kulturkreisen und sind in ihrem Leben womöglich eher selten mit weiblichen Autoritäten in Kontakt gekommen. Hattest du Mühe, dich durchzusetzen, vor allem gegenüber den Jungs in der Gruppe?

Anne:
Mit dem kulturellen Aspekt hatte ich keine Probleme. Der Punkt, weibliche Autoritäten zu akzeptieren, wurde von den meisten bereits überwunden, als sie nach Deutschland gekommen sind und angefangen haben, sich hier zurecht zu finden. Meiner Meinung nach hat ihr Verhalten auch gar nichts mit der Herkunft zu tun – es sind halt 17-jährige Jungs.

Jonas:
Also Pubertät vor kulturellem Background.

Anne:
Auf jeden Fall. In Hamburg arbeite ich ebenfalls mit Jugendlichen aller Altersklassen. Und glaub’ mir, es sind überall die gleichen Kämpfe: soziale Machtspielchen, die sich nicht unterscheiden, egal woher die Kids kommen oder wie alt sie sind. Ob ein Fünfjähriger versucht sich durchzusetzen oder ein 17-Jähriger, das ist ein ähnliches Prinzip. Nur die Mittel sind andere. Aber dafür habe ich so meine Tricks. (Anne grinst)

Jonas:
Du selbst bist auch relativ früh mit Theater in Berührung gekommen – auf deiner Website schreibst du, dass du eine zwölfjährige Grundausbildung am Leipziger Tanztheater absolviert hast. Wie kam es dazu?

Anne:
Stimmt. Als Kind habe ich angefangen, neben der Schule semiprofessionell Tanztheater zu machen. Meine Mutter hatte mich dort angemeldet.

Jonas:
Haben deine Eltern einen künstlerischen Hintergrund?

Anne:
Nein, beide sind Orthopäden. Ich bin das schwarze Schaf der Familie. Alle anderen machen etwas Anständiges, sind Anwälte, Ärzte oder Lehrer. Nur ich musste mir für mein Leben etwas Verrücktes ausdenken – meine Familie weiß noch nicht einmal so richtig, wie das heißt, was ich mache.

Jonas:
Auch wenn das Tanztheater semiprofessionell war: Was konntest du für dich persönlich aus dem Tanzen herausziehen?

Anne:
In erster Linie habe ich durch das Tanzen ein starkes Körperbewusstsein bekommen, was mir auch im Alltag immer wieder hilft – vielleicht im Gegensatz zu Menschen, die in ihrer Kindheit nicht so viel Bewegung hatten oder wenig Sport getrieben haben. Ich halte Tanzen ohnehin für einen sehr besonderen Sport, weil es Bewegung für den gesamten Körper ist. Und es ist ein soziales und politisches Ausdrucksmittel.
Darüber hinaus habe ich durch meine Zeit am Tanztheater ein erstes Gefühl für die Arbeit mit Jugendlichen entwickelt. Das Leipziger Tanztheater realisiert regelmäßig Großprojekte mit Tänzerinnen und Tänzern aller Altersstufen, von acht bis 18 Jahren ist da alles vertreten. Die Idee dahinter empfinde ich als unglaublich schön: Man gibt jedem eine kleine Aufgabe und wenn man alles zusammenfügt, wird es zu einem großen Ganzen. Das ist etwas, was ich mir auch für meine eigene Arbeit noch stärker wünsche: Ich würde gerne das, was ich mit den Jugendlichen mache, irgendwann einmal mit einem größeren Projekt kombinieren können.

Jonas:
Neben der Bewegung, dem Körperlichen, scheint es in deinem Leben noch einen weiteren Grundpfeiler zu geben: die Sprache. Wann hast du deine Leidenschaft für das gesprochene und geschriebene Wort entdeckt?

Anne:
Sehr früh. Sobald ich schreiben konnte, habe ich angefangen, Geschichten zu schreiben. Und mit 14 habe ich begonnen, unglaublich viel zu lesen. Das hat bis heute nicht aufgehört.

Jonas:
Ich kann mich an einen Satz meines ehemaligen Französichlehrers erinnern, den er immer wiederholt hat: „Alles, was man sich vorstellen kann, kann man auch mit Sprache beschreiben.“ Würdest du das unterschreiben?

Anne:
Nein. Ich finde den Gedanken zwar total schön, aber meiner Meinung nach ist es eher andersherum. Sprache ist ein Versuch, die vielen Dinge zu erklären, die auf der Welt passieren. Aber es gibt so viele Zustände, Umstände und Momente im Leben, für die man einfach kein Worte hat. Ein Beispiel: Ich selbst spreche Deutsch und Englisch, daher kann ich mich auch nur aus diesem Wortschatz bedienen. Daneben gibt es aber in anderen Sprachen unzählige weitere Wörter und Ausdrücke, die im Deutschen und Englischen nicht vorkommen – mit denen ich im Zweifel aber vielleicht viel besser ausdrücken könnte, was ich denke, sehe, fühle. Daher funktioniert der Satz deines ehemaligen Französichlehrers für mich nicht.

Jonas:
Mit 17 hast du den Roman „Die Tragödie des geistreichen Menschen: Ein Trauerspiel ohne Aufzüge“ verfasst, der 2011 im Engelsdorfer Verlag erschienen ist. Der Titel klingt sehr schwermütig – aus welcher Motivation heraus hast du das Buch geschrieben?

Anne:
Aus Liebeskummer.

Jonas:
Liebeskummer hat immer wieder das Potenzial, gute Geschichten hervorzubringen.

Anne:
Ach, das Buch ist ganz nett geworden. Was man mit 17 eben so verfasst, wenn man unglücklich verliebt ist.

Jonas:
Wenige Jahre später hat es dich aus Leipzig heraus nach Hamburg getrieben – ebenfalls aus Liebeskummer?

Anne:
Nein, das ist eher per Zufall passiert. Ich wollte immer in Berlin leben, daher habe ich mich dort um einen Studienplatz für Literaturwissenschaften beworben – neben Potsdam und Hamburg. In Berlin wurde ich leider abgelehent, aber von den beiden anderen Unis gab’s eine Zusage. Und da Potsdam für mich eine blöde Alternative war, bin ich nach Hamburg gegangen. Letztendlich war das eine gute Entscheidung – ich mag die Stadt sehr und lebe wirklich gerne dort. Die Kunstszene ist im Vergleich zu Berlin nicht so superalternativ, sondern eher sortiert. Vieles läuft über wenige, immer gleiche Institutionen. Trotzdem ist die Szene sehr spannend, weil dort ein hoher Professionalitätsgrad erreicht wird – im Gegensatz vielleicht zu anderen Städten, in der man eher die Einstellung à la „Ich mache irgendwelche Off-Projekte.“ hat.

Jonas:
Du setzt dich in deiner Arbeit sehr stark mit Performance auseinander – ein Begriff, der für Menschen, die weniger Berührungspunkte mit Kunst haben, schwer zu fassen ist. Kannst du erklären, was dahinter steckt?

Anne:
Performance ist ein eher modernes Phänomen, das in den 1960er Jahren aufgekommen ist – unter anderem durch Menschen wie die serbische Künstlerin Marina Abramovic, die bis heute mit ihren Performances international für Aufmerksamkeit sorgt. Was genau dahinter steckt, darüber gibt es sehr viele Theorien. Für mich ist Performance eine Kunstform, die nicht an einen Ort gebunden ist. Sie kann auf der Bühne stattfinden, aber auch im öffentlichen Raum. Performance befragt nicht nur ein Thema, sondern befragt immer auch den Moment: Wie bin ich gerade hier? Wer ist um mich herum? Für die Perspektive des Publikums ergeben sich dadurch ebenfalls Fragen: Wie bewege ich mich als Zuschauer durch den Raum? Wo stehe ich gerade und wie interagiere ich mit anderen Leuten? Wieso gehe ich nicht dazwischen, wenn etwas passiert, was nicht ok ist? Mir als Künstlerin geht es darum herauszufinden, welche körperlichen und emotionalen Reaktionen diese Interaktionen mit dem Publikum hervorrufen. Und es geht mir darum zu erfahren, wie ich mit diesen Reaktionen weiterarbeitet. Performance hat viel mit dem Moment zu tun hat, in dem man sich gerade befindet. Es gibt dafür auch ein Wort: Liveness – das, was gerade jetzt passiert.

Jonas:
Würdest du auch Flashmobs als Performances bezeichnen?

Anne:
Ich würde sagen, sie sind eine populäre Form davon. Das Konzept ist zwar ähnlich, aber Flashmobs haben häufig keinen inhaltlichen Anspruch, kein künstlerisches Konzept. Das Ganze ist eher Entertainment.

Jonas:
Die letzte Performance, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hat, war die Aktion Tausend Gestalten während des G20-Gipfels in Hamburg. Hast du diese Aktion persönlich erlebt? Oder bist du vor dem Gipfel geflüchtet?

Anne:
„Tausend Gestalten“ war eine richtig tolle Idee, dahinter stand ein enormer Aufwand. Ich selbst wurde auch eingeladen, bei der Aktion mitzumachen. Aber ich hatte zu dieser Zeit eine Premiere und konnte mich leider nicht beteiligen an diesem demonstrativen Treiben.

Jonas:
Es ist schade, dass die Aktion in der allgemeinen Berichterstattung untergegangen ist – die Medien haben sich während des Gipfels fast ausschließlich mit den enormen Gewaltausbrüchen in der Hamburger Innenstadt beschäftigt.

Anne:
Von den „Tausend Gestalten“ hat man ja zumindest noch etwas mitbekommen. Es gab aber noch so viele andere, schöne Gegendemonstrationen und Aktionen, von denen die Leute außerhalb Hamburgs überhaupt nichts gehört, gesehen oder gelesen haben. Beispielsweise gab es Yoga auf der Kennedy-Brücke – morgens um halb sechs mit hunderten meditierenden Menschen, die ganz in Weiß gekleidet waren. Oder „Lieber tanz’ ich als G20“ mit unzähligen Leuten, die in bunten Klamotten auf den Kiez gekommen sind und stundenlang getanzt haben. Das war einfach megaschön.
Aber dann gibt es diese Eskalationen und die ganze Welt bekommt nichts anderes mehr mit. Ich finde das sehr, sehr schade. Es sind so unglaublich viele Menschen auf die Straße gegangen, um friedlich und kreativ gegen den Gipfel zu protestieren. Es war beeindruckend zu sehen, wie verbunden alle miteinander waren und wie gut teilweise die Atmosphäre in der Stadt war – bis die Autos brannten.

Jonas:
Die Aktion „Tausend Gestalten“ hatte ein großes politisches Anliegen. Versuchst du bei deiner eigenen Arbeit auch, bestimmte Schwerpunkte zu setzen?

Anne:
Ich habe ja im Prinzip zwei Standbeine: Auf der einen Seite entwickle ich selbst Performances und führe sie auf, auf der anderen Seite leiste ich Vermittlungsarbeit wie beispielsweise für das Projekt „Plural Arts“. Was meine eigenen Performances angeht, kann ich zu allen möglichen Themen arbeiten, seien es körperliche, politische oder soziale.
Grundsätzlich habe ich aber immer den Anspruch, bestimmte Fragen zu stellen: Warum muss ich das machen? Und warum soll sich das jemand anschauen? Nur weil zum Beispiel viele Kulturprojekte mit Geflüchteten gefördert werden, heißt das für mich noch nicht zwangsläufig, dass ich selbst auch ein Projekt zu dem Thema machen muss. Zuerst muss ich eine Antwort auf die Frage finden, warum ich selbst dazu ein Stück entwickeln und in die Welt bringen sollte. Ich nehme es sehr ernst, dass es den Beruf des Künstlers beziehungsweise der Künstlerin gibt. Und dass dieser Beruf auch eine Aufgabe hat in der Gesellschaft.
Darüber hinaus habe ich einen hohen Anspruch, was Konzentration und Fokussierung angeht – an mich selbst, aber auch an die Kids. Das heißt, es ist mir sehr wichtig, dass sie das Ganze so ernst nehmen wie ich. Was nicht heißt, dass man dabei keinen Spaß haben kann oder alle perfekt sein müssen. Aber sie sollen spüren, dass es wichtig und relevant ist, was sie tun. Bei solchen Projekten muss ich allerdings meinen Anspruch an die künstlerische Qualität oder den Inhalt immer wieder zurückstellen. Denn es geht hier nicht um mich, sondern um die Kids. Wichtig ist, dass sie den nötigen Raum haben, um ihr Bestes zu geben und über Dinge sprechen zu können, die ihnen wichtig sind. Da kann ich nicht von außen kommen und sagen: So, wir machen jetzt Shakespeare. Bitte alle den Text lernen, viel Spaß! Viel wichtiger ist, was sie gerade persönlich beschäftigt. Daher beginne ich grundsätzlich jede meiner Stunden mit der Frage an jede und jeden Einzelnen: Wie geht es dir? Teilweise sind die Jugendlichen schon alleine damit total überfordert…

Jonas:
… weil sie noch nie jemand danach gefragt hat.

Anne:
Genau. Und weil auch in der Schule oder in sozialen Einrichtungen kein Raum dafür ist. Dort müssen sie ständig irgendetwas machen und in vorgegebenen Hierarchien funktionieren. Das kann ich nur aufbrechen, indem ich sage: Seht her, ich selbst habe auch keine Ahnung. Ich bin wie ihr. Jetzt schauen wir mal zusammen, wie wir vorankommen.

Jonas:
Es gibt unendlich viele Probleme und ungelöste Konflikte auf der Welt – offene Baustellen, wohin man schaut. Schlägst du als Künstlerin nicht manchmal die Hände über dem Kopf zusammen, weil du nicht weißt, wo du thematisch anfangen sollst?

Anne:
Nein, das war noch nie ein Punkt. Die Probleme sind so oder so da, egal ob ich mich damit beschäftige oder nicht. Außerdem habe ich in meinem Leben gelernt, dass sich solche kritischen Momente auch wieder auflösen, genauso wie sie entstanden sind.
Das ist bei der Arbeit mit den Kids nicht anders. Ganz am Anfang steht noch ein großes Problem. Dann arbeitet man zwei Wochen mit ihnen und feiert am Ende gemeinsam den Erfolg. Ich weiß zwar, dass ich letztendlich keinen der Jugendlichen wirklich gerettet habe – schon nach ein paar Tagen hat die Hälfte von ihnen meinen Namen wieder vergessen. Aber lass’ es zwei, drei Kinder sein, die wirklich etwas aus dem Workshop mitgenommen haben. Das ist am Ende zwar nur ein kleines Stück vom großen Puzzle, aber immerhin konnte ich diesen kleinen Teil dazu beitragen.

Jonas:
Das Stück, das du mit den Kids erarbeitet hast, tägt den Titel „Hoffnung“. Was ist deine eigene Hoffnung?

Anne:
Beruflich gesehen besteht meine Hoffnung darin, dass ich es schaffen will, mich so gut es geht freizuhalten von dem Druck, irgendetwas erfüllen oder irgendjemandem gerecht werden zu müssen. Ich will die Dinge immer nur so angehen, wie ich es selbst gut finde und wie ich es vertreten kann. Und ich will mir einen Raum schaffen können, der groß genug ist, dass meine Kreativität darin genug Platz hat.
Persönlich wünsche ich mir, dass ich mich immer wieder von Ängsten und gesellschaftlichen Ansprüchen befreien kann. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, die dafür nötige Kraft aufzubringen.

Jonas:
Das ist wahrscheinlich etwas, das sich jeder Mensch wünscht, der in unserer Leistungsgesellschaft lebt. Hast du ein Zaubermittel, mit dem du dir diesen Wunsch erfüllen kannst?

Anne:
Mein Zaubermittel ist, mir viel Zeit für mich zu nehmen. Mich viel auszuruhen, viel zu meditieren und mich viel zu bewegen. Es ist wichtig, immer wieder an einen Punkt zurückzugehen, an dem man sich fragt: Was will ich eigentlich? Worum geht es mir in meinem Leben? Und genauso wichtig ist es, sich immer wieder zu sagen: Der Weg ist offen. Vor allem in Momenten, in denen man glaubt, sich fest für etwas entschieden zu haben und aus der Nummer nicht mehr herauszukommen. Es ist ja alles immer nur ein Versuch. Und wenn man scheitert, geht man woanders lang. Das zu wissen, beruhigt sehr.

Jonas:
Gibt es neben diesen Momenten der Ruhe auch Situationen, in denen du die Ekstase suchst – wie beispielsweise deine Schützlinge, die immer noch wie wild auf der Tanzfläche ihre Theaterpremiere feiern?

Anne:
Tanz ist Ekstase. Denken kann Ekstase sein. Manchmal lese ich ekstaitsch viele, viele Seiten am Tag oder schreibe wie eine Verrückte. Und die Arbeit mit den Kids kann auch richtig knallen. Aber Ekstase, glaube ich, kann man nicht suchen – sie begegnet dir."

MYP Magazin

22.8.17

Intellektueller, Loser, Rassistin? | Martina John 

über ungeachtet dessen | Glitch AG Projekt

"Performance ist körperbetont – und spannt auch gern die Zuschauer mit ein. Körperkunst mit viel Plastikfolie zeigte am Donnerstag die Hamburger Galerie Affenfaust.

Eine Frau wird in Frischhaltefolie eingewickelt, transparentes Plastik spannt sich bis über ihr Gesicht, droht ihr den Atem zu rauben – und um sie herum stehen lauter gut gekleidete Menschen und schauen zu. Es handelt sich um eine Performance von Anne Pretzsch, Anna Hubner, Christine Kristmann und Lionel Tomm in der Affenfaust Galerie.

Die Galerie auf St. Pauli, Hamburgs Anlaufstelle für alles, was sich im Dunstkreis von Urban Art abspielt, hat zur ersten Performance-Nacht geladen. Am Donnerstagabend verschmelzen hier die Grenzen zwischen Werk und Künstler.

Performance-Kunst, aus dem Geist der sechziger Jahre entstanden, macht den Körper zum Kunstwerk. Durch Aktionen, die für Uneingeweihte irgendwo zwischen Improvisationstheater und Pantomime verortbar scheinen, entstehen Kunstwerke, die sich nicht nur im Raum, sondern in der Zeit abspielen. Ist die Performance vorbei, verschwindet auch das Kunstwerk, denn im Gegensatz zum Theaterstück wird eine Performance in der Regel nicht wiederholt: Der Künstler durchlebt den Moment zum ersten Mal.

So ein Werk lässt sich schwer verkaufen – das hindert Performance-Künstler nicht daran, zu Stars zu werden: Bekanntes Beispiel ist die serbische Künstlerin Marina Abramović, die nicht nur ihren Körper künstlerisch malträtiert, sondern durch Kooperationen mit Lady Gaga oder Jay Z noch mit über 60 Popstarstatus erreichte.

Auch in der Affenfaust müssen die Körper der Performer viel durchmachen. Es geht um Zuschreibungen und Rollenklischees. "Als wer werde ich beschrieben?", "Als wer werde ich gesehen?", lauten die Fragen, die die Künstlergruppe stellt.

Eine halbe Stunde vor Beginn herrscht Spannung im Galerieraum. Menschen in minimalistisch geschnittenen Mänteln und weißen Turnschuhen rauchen vor der Tür, Frauen mit Dutt und bärtige Brillenträger unterhalten sich gedämpft. Man merkt, dass sich der Abend von anderen Ausstellungseröffnungen unterscheidet. Vorsichtig nähert man sich den Plastikfolien, die doppelt gelegt durch den Raum gespannt sind, und liest die daran angebrachten Zettel mit Textfragmenten von politischen Statements über Hashtags bis zu Gangster-Rap-Zitaten und Online-Psychotests. Schon hier kristallisiert sich das Thema heraus: Wahrnehmung von außen, stereotype Identitäten und wie man damit umgeht.

Eine Frau wird scheinbar wahllos aus dem Publikum gezogen

Dann begegnen wir den Künstlern als lebende Statuen, die sich zwischen die Plastikfolien schieben. Bewegung kommt ins Spiel, als die drei Akteure, inzwischen aus ihrem Foliengefängnis herausgetreten, die daran montierten Zettel abreißen und die Texte laut vortragen. Auch Zuschauer sollen Textstücke lesen oder mitflüstern. Halb gespannt, halb ängstlich wartet man ab, ob man auch an die Reihe kommt. Durch die Publikumsteilnahme wird die Performance kunsthistorisch gesehen zum Happening – doch geht es in der Aufführung nicht gerade um die Hinterfragung solcher Etikettierungen?

Im ersten Teil der knapp 45-minütigen Performance werden die Künstler zunehmend aggressiver. Sie brüllen sich Zitate entgegen, nehmen sich Huckepack oder halten einander Mund oder Augen zu. Erst bleiben wir distanziert, dann ist doch ein geschocktes "Alter Schwede" zu hören, als eine Frau scheinbar wahllos aus dem Publikum gezogen und in Frischhaltefolie eingewickelt wird. Erst nach ihrer Befreiung stellt man erleichtert fest, dass sie Teil der Künstlergruppe ist.

Im zweiten Teil der Performance kommt Dialog hinzu. Die eben noch in Folie gefesselte Christine Kristmann gibt ihren Kollegen Anweisungen. Zu Begriffen wie "Macht" oder "Familie" halten sie erst frei assoziierte Monologe, dann interagieren sie auf Zuruf: "Kannst du dich zu Anne so verhalten, wie du dich zu deiner Mutter verhalten würdest?" Die Aufgeforderte wirft sich ihrer Künstlerkollegin in die Arme. Doch dann folgen Befehle wie "Kannst du die Situation gefährlich werden lassen?", und die Idylle zerbricht. Unweigerlich stellt sich die Frage, wie man selbst solche Aufgabenabsolvieren würde – und ob die Aktionen gescriptet sind oder spontan entstehen.

Zum Grand Finale erhalten wir Zuschauer dann endgültig unseren Platz im Performance-Kunstwerk. Erst muss sich jeder mit einem Sticker ziemlich plakativ als Intellektueller, Loser oder Rassistin labeln lassen – die Reaktion folgt auf dem Fuße: Die Künstler drücken uns durch ein Stück Folie ein lobendes Küsschen auf odr machen eine Spuckgeste. Der Spieß wird umgedreht und wir sind plötzlich selbst Objekt voyeuristischer Betrachtung à la "Was ist die/der denn für einer?".

Obwohl sich danach schon so mancher Zuschauer verabschiedet, gibt es noch "Nachtisch". Die Künstlerinnen Luise Leschik, Yolanda Morales und Lea Dietschman runden den Abend mit drei Kurzperformances ab: Dabei wird aus Jugendtagebüchern gelesen, evokativ getanzt – und schließlich entlässt Lea Dietschman uns mit einer augenzwinkernden Lesung aus Prosa-Fundstücken zu den Begriffen "Affen" und "Faust" gut unterhalten und mit diversen Denkanstößen in die Novembernacht."

ZEIT-online

25.11.16